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Unter Vitalismus wird die Hypothese einer Lebens- oder Vitalkraft verstanden, der in der Regel drei Eigenschaften zugeordnet werden:
(1) Die Vitalkraft ist sinnlich nicht erfahrbar und damit nicht erkennbar und folglich in ihrer Gesetzmässigkeit nicht näher bestimmbar. – Hier kann die allgemeine Bemerkung gemacht werden, dass wenn die Annahme einer Vitalkraft mit klar bestimmten Gesetzmässigkeiten verbunden wird, gemäss der sie wirken soll, sie ihre Unbestimmtheit und damit ihren vitalistischen Charakter im engeren Sinne verliert. Dies entspricht dem Verlust des mystischen Beigeschmacks der ebenfalls nicht sinnlich wahrnehmbaren, zunächst unbegreiflichen und unbestimmten elektrischen und magnetischen Kräfte durch die Entdeckung der Prinzipien des Elektromagnetismus durch Faraday, Maxwell und andere und damit deren Einordnung in die konventionelle Physik. Dementsprechend ist das integrative Modell keine vitalistische Verirrung, sondern eine realistische Arbeitshypothese. Genau wie man es einem auf der Grundlage der Maxwellschen Elektrodynamik und der Newtonschen Gravitationstheorie argumentierenden Physikers zugesteht, in sachgerechter Form über Wirkungen nichtsinnlicher Kräfte zu sprechen und mit ihnen zu experimentieren, kann man es den Untersuchungen des Institut ArteNova zugestehen, vom integrativen Modell auszugehen und dessen Konsequenzen für das Verständnis der Resultate der entsprechenden Experimente zu untersuchen.
(2) Die Vitalkraft wechselwirkt mit den physikalisch-chemischen Kräften, greift gezielt in diese ein, neutralisiert oder suspendiert diese zumindest temporär und lokal. – Dieser Punkt wurde bereits weiter oben besprochen (Frage 4): Da im integrativen Modell weder rein physikalische noch rein überphysische Kräfte vorliegen, kommt es zu keiner gegenseitigen Aufhebung derselben, sondern zu einem harmonischen Zusammenwirken im Rahmen einer höheren Einheit.
(3) Der Vitalkraft kommt das Vermögen zielgerichteten Handelns zu, indem sie sich selbständig nach bestimmten Zwecken (das heisst nach Verwirklichung von vornherein festgelegten Zukunftszielen) ausrichtet. –  Im hier dargestellten Gedankenzusammenhang wird keinerlei Zweckgedanke für das Organismusprinzip angenommen. Ein Organismus wird nicht daran gemessen, inwiefern er einen von aussen vorgegebenen Zweck erfüllt oder nicht. Denn diese Auffassung steht im Gegensatz zu jeder naturgesetzlichen Auffassung des Organismus: Das Gesetz des Organismus wirkt ungebrochen (ohne kreative Interventionen oder Zielvorgaben von ausserhalb) innerhalb jedes Einzelorganismus. Es wirkt zudem lokal absichtslos und unspezifisch: es verfolgt kein anderes Ziel als seine eigene naturnotwendige Verwirklichung, es plant nicht im voraus oder schafft zufällig, sondern ergreift die sich bietenden Gelegenheiten oder Bedingungen (Variation, Anpassung) und tritt in ein Wechselverhältnis gemäss seinen immanenten gesetzmässigen Bestimmungen (kreative Innovationen, Individualisierungen). In diesem Sinne liegt es in der inneren Natur des Organismusprinzips, liegt es in seiner Gesetzmässigkeit, fortwährend alle sich bietenden Erscheinungsgelegenheiten zu ergreifen und dadurch Organismen hervorzubringen, die immer automorpher und autoregulativer werden (Emanzipation): das ist schliesslich sein ideeller Gehalt.

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